Human Premium: Nicht jede Assistenzposition übersteht die nächsten Jahre – diese Fähigkeiten entscheiden, wer bleibt.
Von Constanze Wiedermann | Gründerin SÜDPOOL PERSONALKONZEPTE | Personalberaterin & & Karrierecoach für Executive Assistants
Ich sage es, wie ich es sehe: Ein erheblicher Teil der klassischen Assistenzpositionen wird in den nächsten Jahren wegfallen. Nicht alle – aber mehr, als die meisten in der Branche gerade wahrhaben wollen.
Kalenderpflege, Reiseorganisation, Standard-E-Mails: All das erledigt KI heute schon zuverlässig genug, dass sich viele Unternehmen fragen, warum sie dafür noch eine EA brauchen.
Was bleibt, wird dadurch aber nicht unwichtiger – im Gegenteil. Eine aktuelle Forbes-Analyse nennt es die „Human Premium“: Fähigkeiten, die KI nicht kann, werden knapper und dadurch wertvoller.
Ich habe bei Accenture 45 C-Level Assistenzen geführt, bevor ich 2009 SÜDPOOL gegründet habe. Ich weiß: Die Assistenzen, an denen keiner vorbeikam (und die man nicht verlieren wollte), waren nie die mit dem am besten sortierten Posteingang. Es waren die, die wussten, wann ein Termin wirklich Chefsache war – und wann nicht.
Was ist „Human Premium“?
Der Begriff beschreibt eine Verschiebung im Arbeitsmarkt: Während KI Routineaufgaben wie Terminplanung, Protokolle oder Standard-Korrespondenz zunehmend übernimmt, steigt gleichzeitig der Wert der Fähigkeiten, die eine Maschine nicht mitbringt – Urteilsvermögen, Kommunikation, Neugier, kritisches Denken und Beziehungsintelligenz.
Für Assistenzen bedeutet das im Klartext: Ein Teil der Jobs wird nicht „aufgewertet“ – er verschwindet. Wer sich ausschließlich über Tempo und Organisation definiert, wird es in den nächsten Jahren schwer haben. Wer dagegen Urteilsvermögen und Vertrauen mitbringt, wird gefragter. Fairerweise muss man dazusagen: Das lässt sich schwer trainieren. Man kann es allenfalls sichtbarer machen – im Lebenslauf, im Gespräch, im Alltag.
Das ist keine Einzelmeinung eines Forbes-Autors. Der LinkedIn Skills on the Rise Report 2026 zeigt denselben Trend: Neben KI-Engineering und KI-Businessstrategie wachsen dort auch Executive Communication, teamübergreifende Zusammenarbeit, Mentoring und Public Speaking spürbar. Der Future of Jobs Report 2025 des Weltwirtschaftsforums kommt zum gleichen Schluss – Kreativität, Neugier, lebenslanges Lernen und Führungskompetenz sollen bis 2030 an Bedeutung gewinnen, parallel zu KI- und Data-Skills, nicht anstelle davon.
Die fünf Fähigkeiten, die jetzt zählen
1. Urteilsvermögen
KI liefert in Sekunden zwanzig Terminvorschläge. Sie entscheiden, welches Meeting wirklich Priorität hat – und welches getrost verschoben werden kann, weil es fürs Geschäft aktuell keinen Unterschied macht. Genau diese Einschätzung, wann ein Vorschlag stimmt und wann nicht, ist es, die aus einer Assistenz eine Vertrauensperson macht. Ich sehe das in jedem Vorstellungsgespräch: Kandidatinnen, die dieses Urteilsvermögen mit konkreten Beispielen belegen können, heben sich sofort ab. Eine Assistenz, die eigenständig entscheidet, eine Anfrage abzulehnen, statt sie ungeprüft weiterzureichen, übernimmt genau diese Verantwortung – und wird dafür geschätzt, nicht kritisiert.
2. Kommunikation
Ein Tool formuliert die perfekte Absage-E-Mail in drei Sekunden. Aber die enttäuschte Kundin am Telefon beruhigen, dem Vorstand eine unbequeme Nachricht überbringen, zwischen zwei zerstrittenen Kolleginnen vermitteln – das bleibt Handarbeit. Beziehungen lassen sich nicht automatisieren, und genau das macht Kommunikation zur Kernkompetenz, nicht zur Nebensache. Das deckt sich mit dem LinkedIn Skills on the Rise Report 2026: Executive Communication und teamübergreifende Zusammenarbeit zählen dort zu den am stärksten wachsenden Kompetenzen – parallel zu KI-Skills, nicht als Gegensatz dazu.
3. Neugier
KI beantwortet fast jede Frage. Sie weiß nur nicht, welche Frage in Ihrem Unternehmen gerade wirklich zählt. Assistenzen, die nachfragen, warum ein Prozess so läuft, wie er läuft, und die auch mal ein „Muss das wirklich so sein?“ in den Raum stellen, werden zu unverzichtbaren Sparringspartnerinnen für ihre Führungskraft – weg vom reinen (Admin)-Support. Der Future of Jobs Report 2025 des Weltwirtschaftsforums nennt Neugier und lebenslanges Lernen explizit als Fähigkeiten, die bis 2030 an Bedeutung gewinnen sollen.
4. Kritisches Denken
KI klingt auch dann überzeugend, wenn sie danebenliegt. Wer den Output prüft, Widersprüche erkennt und sagt „Das passt hier nicht“, übernimmt eine Kontrollfunktion, die zunehmend an Gewicht gewinnt. Gerade im Assistenzbereich, wo KI-Tools längst beim Formulieren, Recherchieren und Zusammenfassen helfen, wird diese Fähigkeit zum Qualitätsversprechen gegenüber der Führungskraft. Eine Analyse von mehr als 150.000 Stellenausschreibungen aus 2026 stützt das: KI-Kompetenz taucht darin zunehmend gemeinsam mit Führungs- und Metakompetenzen auf – ein Hinweis darauf, dass Unternehmen längst hybride Profile suchen, keine reinen Tool-Anwenderinnen.
5. Beziehungsintelligenz
Die beste Assistenz spürt Spannungen im Team, bevor sie eskalieren, und schafft Vertrauen, das sich nicht prompten lässt. Das war schon immer der Kern dieser Rolle. Jetzt wird er sichtbarer – und wertvoller. Auch der WEF-Report bestätigt den Trend: Führungskompetenz und Resilienz gehören zu den Fähigkeiten, die laut Einschätzung der befragten Unternehmen bis 2030 am stärksten an Bedeutung gewinnen.
Was bedeutet das konkret für Ihre Karriere als Assistenz?
Eine Garantie gibt es nicht – aber Wege, die eigenen Chancen aktiv zu erhöhen. Drei Dinge, die ich Kandidatinnen aus meinem Netzwerk aktuell mitgebe:
Machen Sie Ihr Urteilsvermögen sichtbar. Nicht „ich habe den Kalender organisiert“, sondern „ich habe entschieden, welche drei von zwölf Terminanfragen tatsächlich Chefsache waren“.
Bringen Sie Kommunikationssituationen konkret ins Gespräch – nicht als Soft Skill nebenbei erwähnt, sondern als eigene Kompetenz mit einem echten Beispiel.
Zeigen Sie Ihre Neugier aktiv: Fragen Sie z.B. im Vorstellungsgespräch selbst kritisch nach, statt nur Fragen zu beantworten – das hinterlässt oft den stärkeren Eindruck.
Nutzen Sie KI aktiv – aber positionieren Sie sich nicht ausschließlich darüber. KI-Fluency ist oft bereits Grundvoraussetzung, kein alleiniges Unterscheidungsmerkmal mehr – und das reicht heute über reines Prompten hinaus: Wer sich mit Agenten, Subagenten, Workflows und Konnektoren auskennt, statt nur mit einzelnen Prompts zu arbeiten, hat im Bewerbungsprozess aktuell die Nase vorn.
Sprechen Sie im Bewerbungsgespräch bewusst über Situationen, in denen Ihr Urteilsvermögen oder Ihre Vermittlungsfähigkeit den Unterschied gemacht haben – genau das ist es, wonach Unternehmen aktuell suchen.
Die Assistenzen, die in den kommenden Jahren gefragt sein werden, sind nicht die, die KI anwenden. Es sind die, die am besten wissen, wann man ihr nicht vertrauen sollte.
Die Fragen, die mir dazu am häufigsten gestellt werden, beantworte ich hier direkt:
FAQ
Macht KI die Rolle der Assistenz überflüssig?
Nicht die Rolle insgesamt, aber einen Teil der heutigen Assistenzpositionen – vor allem dort, wo der Fokus auf Terminplanung und Standardkorrespondenz liegt. Wer Urteilsvermögen, Kommunikation und Vertrauen aktiv einbringt, bleibt gefragt.
Welche Fähigkeiten sollten Assistenzen jetzt gezielt ausbauen?
Die fünf zentralen Bereiche sind Urteilsvermögen, Kommunikation, Neugier, kritisches Denken und Beziehungsintelligenz – ergänzt um eine solide KI-Fluency als Grundvoraussetzung, nicht als Differenzierungsmerkmal.
Wie zeige ich diese Fähigkeiten im Bewerbungsprozess?
Am besten mit konkreten Situationen statt Adjektiven: Nicht „ich bin kommunikationsstark“, sondern eine tatsächliche Situation, in der Ihre Einschätzung oder Vermittlung den Ausschlag gegeben hat.
Was sagen aktuelle Studien zum Wandel der Assistenzrolle?
Die Studienlage zeigt zwei Seiten derselben Entwicklung: Aktuelle Stellenanalysen bestätigen, dass klassische Routineaufgaben zunehmend automatisiert werden – ein Teil der heutigen EA-Aufgaben fällt also tatsächlich weg. Gleichzeitig wachsen laut LinkedIn Skills on the Rise Report 2026 und dem Future of Jobs Report 2025 des Weltwirtschaftsforums genau die Fähigkeiten, die davon nicht betroffen sind: Kommunikation, Führung, Neugier und kritisches Denken.
Lohnt sich eine Weiterbildung in KI-Tools für Assistenzen?
Ja, aber als Grundlage, nicht als Differenzierungsmerkmal. KI-Fluency wird zunehmend vorausgesetzt; wer sich ausschließlich darüber positioniert, sticht damit allein nicht mehr heraus.
Wie schnell sollte ich mich als Assistenz neu positionieren?
Eher früher als später: Aktuelle Stellenausschreibungen zeigen bereits, dass Unternehmen KI-Kompetenz und menschliche Urteilsfähigkeit gemeinsam suchen – wer beides erst spät zusammenbringt, verliert Vorsprung.
Weiterführende Artikel & Seiten:
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Ich besetze laufend Assistenz- und Management-Assistenz-Positionen im DACH-Raum – von Family Offices bis Vorstandsebene.> JOBS
→ Wollen Sie Ihr individuelles "Human Premium" im Bewerbungsprozess sichtbarer machen?
Im Rahmen meines Karrierecoachings arbeite ich mit Ihnen heraus, wie Sie genau diese Fähigkeiten überzeugend zeigen – im Lebenslauf und im Gespräch.> KARRIERE BERATUNG
Quellen: Bryan Robinson, Forbes, „AI Is Creating A ‘Human Premium’—5 Career Skills Suddenly Worth More“, August 2026; LinkedIn Skills on the Rise Report 2026; World Economic Forum, Future of Jobs Report 2025.
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